Aus für die Disc: Warum Sony gerade einen PR-Albtraum erlebt

PlayStation

Der PlayStation Disc-Aus sorgt seit Wochen für hitzige Debatten in der Gaming-Community. Sonys Entscheidung, ab 2028 keine physischen PlayStation-Spiele mehr zu produzieren, hat eine Welle der Empörung ausgelöst, die bis heute nicht abklingt. Über 200.000 Unterschriften, wütende Kommentarspalten und ein unglücklich getimtes Detail bei GTA 6 machen aus einer Formalie eine handfeste Vertrauenskrise.

PlayStation Disc-Aus: Die Ankündigung im Detail

Anfang Juli verkündete Sony auf dem PlayStation Blog eine Zäsur in der über 30-jährigen Geschichte der Marke: Ab Januar 2028 werden neue PlayStation-Spiele ausschließlich digital veröffentlicht, über den PlayStation Store und digitale Codes im Handel. Spiele, die vor diesem Stichtag erschienen sind, bleiben zwar weiterhin auf Disc erhältlich, doch für alle künftigen Titel ist die Silberscheibe Geschichte.

Sony begründet den Schritt mit dem Nutzerverhalten: Im vergangenen Geschäftsjahr entfielen bereits 78 Prozent aller Vollpreis-Spielekäufe auf digitale Downloads, Tendenz steigend. Physische Software macht laut Unternehmensangaben nur noch rund 3 Prozent des gesamten Gaming-Umsatzes von Sony aus. Wirtschaftlich betrachtet ist die Entscheidung damit nachvollziehbar, aus Sicht vieler Spieler:innen aber ein Schlag ins Gesicht.

Der Shitstorm

Was folgte, lässt sich kaum anders als PR-Debakel beschreiben. Auf einer Change.org-Petition mit dem Titel „Don’t Kill the Disc: Tell Sony to Keep Physical PlayStation Games“ haben inzwischen mehr als 300.000 Menschen unterschrieben. Sie führt aktuell die Trending-Liste der Plattform an. Sonys Social-Media-Kanäle wurden zeitweise regelrecht stillgelegt, weil praktisch jeder Post von wütenden Kommentaren überflutet wurde. Als das Unternehmen nach einer kurzen Pause wieder aktiv postete, kippte die Stimmung nicht. Die Kritik ging unvermindert weiter.

Verschärfend kommt hinzu, dass Sonys Ankündigung nur wenige Tage nach einem anderen unpopulären Schritt kam: Das Unternehmen hatte zuvor gekaufte digitale Kopien von über 500 Filmen aus den Konten von Kund:innen entfernt. Für viele Fans bestätigte das genau die Befürchtung, die hinter dem PlayStation Disc-Aus steht, nämlich dass „kaufen“ im digitalen Zeitalter eben nicht mehr „besitzen“ bedeutet, sondern bestenfalls ein widerrufliches Zugangsrecht.

GTA VI

Der GTA-6-Faktor

Besondere Brisanz bekommt die Debatte durch das Timing mit einem der größten Spiele-Releases der kommenden Jahre. Rockstar hatte kurz zuvor die Vorbestellungen für Grand Theft Auto VI geöffnet, inklusive einer „physischen“ Version, die de facto nur eine leere Hülle mit Download-Code enthält, keine echte Disc. Für viele Beobachter ist das der symbolische Wendepunkt, an dem der jahrelange schleichende Abschied vom physischen Medium plötzlich sehr konkret spürbar wird.

Was Spieler:innen konkret verlieren

Hinter der emotionalen Aufregung stehen auch handfeste praktische Sorgen:

  • Weiterverkauf und Verleih: Physische Discs sind aktuell das einzige PlayStation-Format, das sich legal verleihen, tauschen oder weiterverkaufen lässt. Der Gebrauchtmarkt, ein wichtiges Standbein für Händler wie GameStop, dürfte mit sinkendem Disc-Nachschub austrocknen.
  • Zweite Baustelle Store-Abschaltungen: Parallel zur Disc-Entscheidung wurde bekannt, dass Sony auch ältere Storefronts schließt. Der PS3- und PS-Vita-Store soll ab August 2026 zunächst in einzelnen Ländern und bis Juli 2027 weltweit vom Netz gehen. Bereits gekaufte Inhalte sollen „auf absehbare Zeit“ downloadbar bleiben, eine Formulierung, die vielen zu vage ist.
  • Abhängigkeit von Abos: Wer auf Alternativen wie PlayStation Plus Extra ausweicht, begibt sich in ein Abo-Modell, mit dem Risiko künftiger Preiserhöhungen, wie es zuletzt auch beim Xbox Game Pass zu beobachten war.

Ein kleiner Silberstreif, auch mit Blick auf Europa

Interessant ist ein Detail, das im Trubel oft untergeht: Die physischen Spieleverkäufe in den USA sind im Zwölfmonatszeitraum bis Mai 2026 tatsächlich um 3 Prozent auf 1,6 Milliarden US-Dollar gestiegen, das erste Plus seit 2009. Sammler-Editionen, limitierte Pressungen und eine wachsende Nostalgiebewegung gegen rein digitalen Besitz halten die Nische am Leben, auch wenn sie den grundsätzlichen Trend nicht aufhält.

Auch mit Blick über den Atlantik zeigt sich ein differenzierteres Bild, als Sonys 78-Prozent-Zahl vermuten lässt. Eine aktuelle Marktanalyse, die Verkaufsdaten aus den USA, Europa und Japan zusammenführt, kommt für die AAA-Blockbuster des Jahres 2026 auf einen physischen Anteil von rund 20 bis 35 Prozent, spürbar mehr, als man angesichts von Sonys Gesamtzahlen erwarten würde. Der Grund für die Abweichung: Sonys Zahl bezieht sich auf sämtliche digitalen Transaktionen im Store, also auch Indie-Spiele, ältere Titel und reine Digitalveröffentlichungen, wodurch der digitale Anteil insgesamt höher ausfällt, als er es bei einzelnen großen Neuerscheinungen tatsächlich ist. Besonders gefragt bleibt die Disc bei Sammlerstücken wie Sonys eigenem Ghost of Yotei oder Steelbook-Editionen. Auch bei Resident Evil Requiem zeigt sich der Wert des physischen Formats: Etwa ein Viertel der Spieler:innen verkaufte die eigene Disc nach dem Durchspielen weiter, eine Option, die digitale Kopien schlicht nicht bieten.

PlayStation Disc-Aus: Physischer Anteil

Dass Sony trotzdem so entschlossen auf Digital setzt, hat vor allem finanzielle Gründe. Branchenschätzungen zufolge bleiben von einem physischen Spiel für 70 US-Dollar nach Handels- und Produktionskosten nur rund 45 US-Dollar beim Unternehmen, während ein digitaler Verkauf über den eigenen Store nahezu den vollen Preis einbringt, ein Mehrerlös von grob 50 Prozent pro Exemplar.

PlayStation Disc-Aus: Wie geht es weiter?

Bislang hat sich Sony öffentlich kaum zur anhaltenden Kritik geäußert, abgesehen von der ursprünglichen Ankündigung im PlayStation Blog. Ob das Unternehmen seinen Kommunikationskurs anpasst, etwa durch mehr Transparenz bei den Store-Schließungen oder verbindliche Zusagen zum langfristigen Zugriff auf digitale Käufe, bleibt bislang offen. Klar ist: Solange die Sorgen der Community unbeantwortet bleiben, dürfte der PlayStation Disc-Aus weiter jede andere PlayStation-Nachricht überschatten.


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